Dietlinde Hachmann
Buchvorstellung "Mein Wunscherbe"
Seit einiger Zeit ist nun "Mein Wunscherbe", das ist der Titel meines Buchdebüts, fertig gestellt. Hierbei handelt es sich um das richtige Erbe meiner Mutter, das ich mir von ihr gewünscht habe, weil es sonst niemand wollte - aus welchen Gründen auch immer.
Dieses Erbe ist aber schier unglaublich, denn es enthielt nicht nur hunderte von Briefen, sondern auch viele Bilder und dahinter wiederum versteckte sich diese fast unglaubliche Geschichte, von
der ich vorher nur einen kleinen Teil kannte.
Hier ein kleiner Überblick:
Als 19jährige Studentin lernte meine Mutter in Schottland einen indischen Studenten kennen. Dass es "Liebe auf den ersten Blick" - und das von beiden Seiten - gibt, geht ganz klar daraus hervor.
Der Krieg trennte jedoch die Beiden, noch bevor "es" richtig angefangen hatte. Zurück in Deutschland erlebte sie die Schrecken des Krieges. Sie hatte aber geheiratet und bekam bis 1951 vier
Kinder. Ihrem Mann hatte sie vor der Hochzeit von der Liebe zu dem Inder, der Liebe ihres Lebens, erzählt.
Was machen Männer nicht alles, wenn sie eine Frau erobern wollen? So versprach er ihr, sollte sie eines Tages diesen Inder wieder finden und feststellen, dass er ihr noch immer mehr bedeutet,
würde er sie freigeben. Was für ein Versprechen!
Es begann mit der Normalität des Alltags, das Denken an ihn. Einer plötzlichen Eingebung folgend, wie ich später recherchierte war die Frau ihrer indischen Liebe drei Tage zuvor gestorben, suchte
und fand sie ihn in Indien. Ein ausgiebiger Briefwechsel folgte und der Wunsch, ihn wieder zu sehen entstand.
In Hamburg gründete sie indessen die Deutsch-Indische-Gesellschaft, sie war eine der wenigen Personen, die ein "privates" Gespräch mit Nehru, dem damaligen indischen Ministerpräsidenten, der 1956
Hamburg besuchte, führen konnte. Er verabschiedete sich von ihr mit den Worten: "Wir sehen uns in Delhi wieder!", was sie auch taten, denn bereits einen Monat später ging ihr Schiff nach Bombay,
wo sie einen großartigen Empfang durch den deutschen Generalkonsul Wilhelm von Pochhammer und vielen Indern erlebte.
Von dort reiste sie einige Zeit später mit dem Zug quer durch Indien nach Kalkutta, zu ihrer Liebe, der inzwischen ein sehr erfolgreicher und bekannter Mann geworden war. Von dort bereiste sie
Darjeeling, den Himalaya, Sikkim u.v.m. Nach etlichen Wochen, unter strenger Geheimhaltung ihrer Liebe vor seiner Tochter, seinen Eltern, seinen Freunden und seinem Personal, reiste sie weiter
bis an die südliche Spitze des Landes, von dort nach Delhi, wo sie wiederum Nehru, aber auch den Indischen Präsidenten, Dr. Prasad, traf und weiter nach Amritsar. Von dort zurück über Lucknow,
Varanasi nach Kalkutta. Über 12 000 Kilometer mit dem Zug durch das Land, 1956, 8 Monate lang, als Frau, zumeist allein.
In dieser Zeit spielte sich ein Drama ab, das per Briefwechsel ausgetragen wurde. All das wollte ich erben, es war also mein "Wunscherbe".
Bei wem prickelt es jetzt nicht, wenn er sich all das im Geiste vorstellt? Für mich stand jedenfalls fest, nachdem ich das gesamte Material gesichtet und sortiert hatte: Das müssen meine Kinder
erfahren und meine Schwestern! Davon hatte keiner richtig eine Ahnung. Also begann ich, alles in einem Buch zusammen zu fassen. Das ist nicht einfach aber inzwischen ist es fertig geschrieben und
ich habe nicht nur wieder den Kontakt zur Familie dieses Inders, sondern ich war auch dort und habe die "Original-Schauplätze" gesehen.
Warum dies Buch geschrieben werden musste.
Diese Geschichte stellt für mich keinen Grund dar, weshalb ich mich meiner Mutter, meines Vaters oder meines „Onkels“ Deboo schämen müsste. Ganz im Gegenteil:
Ich bin stolz auf sie!
Drei wichtige Gründe dafür:
- An erster Stelle steht für mich die Aufklärung für die Familie, wobei ich selbstverständlich die indische Familie mit einbeziehe.
Niemand hat etwas von dieser Liebe der beiden Protagonisten gewusst, vielleicht hat jemand etwas geahnt, aber nicht gewusst. Galt es zu den Zeiten, als sich diese Geschichte ereignete, noch als äußerst verwerflich, eine solche Liebe auszuleben, so kann heute nur ungläubig mit dem Kopf geschüttelt werden, dass die sogenannte „Ehre“ der Familie einen weitaus höheren Stellenwert besaß. In Deutschland hat sich seit jener Zeit viel verändert, in Indien auch. Dennoch gibt es noch immer zu viele unglückliche Lieben.
- An zweiter Stelle steht die Ehre, die ich meiner Mutter zuteil kommen lassen möchte.
Sie hat versucht, vielen jungen, indischen Studenten, die sich schwer taten, sich in unserem Deutschland wohl zu fühlen, die sich einsam, fremd und allein gelassen fühlten, in Hamburg ein wenig Heimat zu geben. Zunächst waren dies nur wenige, aber die Anzahl nahm stetig zu. Das veranlasste sie, im Oktober 1954 zum zweiten Mal die Deutsch-Indische Gesellschaft in Hamburg e.V. zu gründen, nachdem 1942 die erste Gründung der gleichnamigen Gesellschaft stattgefunden hatte. Unter Teilnahme von Subhas Chandra Bose, dem heute gefeierten Freiheitskämpfer Indiens, wurde der damalige Hamburger Bürgermeister Krogmann zum Präsidenten gewählt. Allerdings wurde dem Verein 1951 die Rechtsfähigkeit wieder entzogen, da sich mehrere Persönlichkeiten der NSDAP unter den Mitgliedern befunden hatten.
Dass meine Mutter dadurch unzweifelhaft etwas menschlich Hervorragendes geleistet hat, steht außer Frage. Mit diesem Buch möchte ich das persönlich anerkennen und würdigen. Da mein Vater, als ihr Ehemann, auch daran beteiligt war, steht auch ihm ein Teil dieser Ehre zu.
- Der dritte und nicht minder wichtige Aspekt ist mein „Onkel“ Deboo, Dr. Debabrata Chatterjee. Ihm müsste ein Denkmal gesetzt werden!
Durch seine Arbeit als Botaniker, durch seine Forschung hat er dazu beigetragen, die Hungersnöte in diesem riesigen Land Indien zu minimieren. Ich bin der Meinung, es reicht nicht aus, „nur“ eine Straße im Botanischen Garten von Kalkutta nach ihm zu benennen, wie geschehen. Ganz sicher hätte er noch viel mehr Großartiges geleistet, wäre er nicht so früh und so tragisch ums Leben gekommen.
